1914 - 1945

1914

Ausbruch des Ersten Weltkriegs

 

1915 / 1916

Im November erkrankt August Theisen schwer.

Schon wenige Wochen später, am 16. Januar des Folgejahres stirbt der Firmengründer.

Grabrede

Grabrede

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Rede zur Beerdigung

1919

 

Nach der Rückkehr aus dem Krieg übernimmt

Georg Theisen die operative Führung der Firma.

Nach Abschluss seines Studiums tritt 1925 auch sein Bruder Dr. Max Theisen in die Firma ein.

Die Brüder teilen sich die Ressorts:

 

  • Georg Theisen

übernimmt die Werkzeugabteilung, später auch die Baumaschinenabteilung

 

  • Dr. Max Theisen

die Stahl- und Maschinenabteilung

Dr. Max und Georg Theisen

links: Georg Theisen       rechts: Dr. Max Theisen     

1920

 

Durch die Revolutionswirren und Inflation mit ihrem Zahlenwahnsinn bringt die Nachkriegszeit viele Nöte nach innen und außen - der unaufhaltsame Niedergang der Wirtschaft einerseits und der grauenhafte Anstieg der Arbeitslosenzahlen.

 

 

 

 

1922 Inflation

 

Innerhalb von 10 Monaten verteuert sich der Dollar gegenüber der Mark um mehr als das Dreißigfache. Fast über Nacht tritt eine radikale Verschlechterung der allgemeinen Lage im Reich ein. Sie lähmen das schwer angeschlagene Wirtschaftsleben noch mehr.

Rechenmaschine Triumphator 1920

Rechenmaschine "Triumphator"

1923

 

wird die Firma eine Aktiengesellschaft. Es erscheint eine Spezialliste über Hämmer, Hacken, sowie Schmiede- und Steinhauerwerkzeuge.

 

1924

 

eröffnet die Firma eine Filiale in München,

Thalkirchnerstraße 14.

1925

 

 

Es erscheint eine Liste über

Schrauben, Unterlegscheiben und Splinte.

 

 

 

 

 

 

 

1926

 

Es kommt ein Katalog über Gleisbaumaschinen und Oberbaugeräte.

Logo Gebrüder Theisen
Aktie Gebrüder Theisen

Aktie der Gebrüder Theisen

1928

 

1929

Das Jahr wird zu einem grausamen Schicksalsjahr für Millionen und aber Millionen Menschen in fast der ganzen Welt. Es beginnt am 25. Oktober  in den USA. mit dem so genannten Schwarzen Freitag.

Banken und ganze Wirtschaftsimperien brechen zu-sammen, Wohlhabende wurden über Nacht bettelarm, Millionen von sowieso weniger Begüterten verlieren ihre bescheidenen Ersparnisse, oft auch ihren Arbeitsplatz.

Um die Firma weiter führen zu können, wird das Anwesen Frauentorgraben Nr. 12 verkauft.

1931

Die Weltwirtschaftskrise erreicht am 13. Juli einen neuen Höhepunkt. Banken brechen zusammen, das Heer der Arbeitslosen wächst auf fast 5,5 Millionen.

 

Die Mitarbeiter der Firma werden nur noch mit täglicher Kündigung beschäftigt. Gehalt wird nur noch bezahlt, wenn Geld in der Kasse ist.

Logo Gebrüder Theisen

1932

 

Die Arbeitslosenzahl erreicht die Rekordhöhe von 7,5 Millionen.

 

 

1933

 

Adolf Hitler ergreift die Macht. War es zuvor erschreck-ende Wirklichkeit, daß eine Existenz um die andere zerschellte, so füllen sich plötzlich wieder die leer gewordene Regale. Kurzfristig wird eine Basis für eine Weiterentwicklung geschaffen. Man ahnt zu dieser Zeit noch nicht, welches Unglück dieser Mann über ganz Europa bringen wird.

Am 18. September  beginnt mein Bruder Georg seine Lehre bei der Firma Gebrüder Theisen als Großhandelskaufmann. Ab 9. März 1936 nach Beendigung seiner Lehrzeit ist er im Laden mit der Bedienung des Fernsprechers, Lagerauf-nahmen und als Verkäufer beschäftigt.

 

Am 31. März 1938 wird er zum Arbeitsdienst eingezogen.

Zeugnis meines Bruders Georg Seiffert

1936

 

50 Jahre GEBRÜDER THEISEN 1886-1936

 

Am Samstag, den 31. Oktober feiert die Firma ihr

50-jähriges Firmenjubiläum.

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt die Firma 90 Mitarbeiter, davon:

 

  • 6 Jubilare, die bereits ihr 25-jähriges Dienstjubiläum feiern können und noch im Geschäft tätig sind

  • 11 Mitarbeiter mit mehr als 20 Dienstjahren 

  • 11 Mitarbeiter mit mehr als 15 Dienstjahren 

  • 11 Mitarbeiter mit mehr als 10 Dienstjahren  

  • Jubilare im Ruhestand mit  36 bzw. 37 Dienstjahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Belegschaft Gebrüder Theisen1.jpeg
Vorspruch Gebrüder Theisen

Vorspruch, vorgetragen von Hilde Theisen (Tochter von Georg Theisen)

1939

 

Am 1. September bricht  der II. Weltkrieg aus.

 

Die Firma eröffnet eine Filiale im benachbarten Österreich. Die Adresse in Wien ist die Schwarzenberger Straße. 

 

 

1940

 

Im Juni  erscheint ein neuer umfangreicher Katalog mit 845 Seiten. Das ist ein zu dieser Zeit einmaliges Katalogwerk für

 

WERKZEUGE

WERKZEUGMASCHINEN

STAHLE

 

Mit seinem Gesamtinhalt, technischen Angaben, Winke und Tabellen ist der Katalog ein wertvoller Ratgeber für Einkauf und Betrieb.

Katalog 1940

1940

 

Die Rohstoffverknappung wirkt sich aus. Auf Anordnung der Reichsregierung in Berlin wird bei uns ein Sonderbüro eingerichtet, das die Belieferung der Rüstungsindustrie gewährleisten soll. Von Berlin kommt ein Herr Bayer, der das Sonderbüro führt.

 

Die Anzahl der Mitarbeiter bewegt sich nun um die Zweihundert.

 

DAF "Deutsche Arbeitsfront"

 

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaft 1933 wird die Deutsche Arbeitsfront DAF von der NSDAP als Institution gegründet, um Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Sinne der "Volksgemeinschaft" zusammenzuführen, Gewerkschaftliche Funktionen werden der DAF nicht zugestanden, im wesentlichen beschränken sich ihre Aufgaben auf Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsschutz, Berufsbildung und Freizeitgestaltung. Es werden "Scheinfirmen" für Lehrlinge und Jungangestellten in den Firmen gegründet. Außerdem wird einmal in der Woche Sport getrieben. Herr Rohr, Korrespondent in unserer Werkzeugabteilung, widmet sich der Berufserziehung. Da er Fortbildungskurse, technische und kaufmännische Schulungsarbeit für Jungangestellte und Lehrlinge so erfolgreich leitet, erhält unsere Scheinfirma

 

"NORICA-Werkzeughandel Adolf Braun, Nürnberg"

 

eine Auszeichnung für hervorragende Leistungen im Rahmen der Ausbildung.

Mein Mitgliedsbuch der "Deutschen Arbeitsfront"

1942

Wochenendschulung in Schillingsfürst

 

Am 15. und 16. August  führt die Firma für Jungangestellte und Lehrlinge eine Wochenendschulung in der Internatsübungsstätte der "DAF" in Schillingsfürst durch.

Am 29. August -einem Samstag- erlebt Nürnberg den ersten wirklichen Großangriff aus der Luft. Von 01:00 Uhr bis 01:40 Uhr werfen englische Flugzeuge, von denen aber nur 50 das eigentliche Stadtgebiet erreichen, 12 Luftminen, 112 schwere Sprengbomben, etwa 9.700 Phosphorbomben und 5.000 Stabbrandbomben ab. Auch die Altstadt wird getroffen. Unsere Firma bleibt, mit Ausnahme von ein paar zerbrochenen Fensterscheiben, unbeschädigt.

Schillingsfürst0110.jpg

Wochenendschulung der "DAF" in Schillingsfürst

1943

Drei schwere Luftangriffe auf Nürnberg am

 

25. / 26. Februar, am 08. / 09. März  und am 11. August

richten beträchtliche Schäden in der Stadt an. Auch bei diesen Luftangriffen bleibt -außer ein paar kleine Schäden- unsere Firma verschont.

 

Bei dem Angriff am 11. August  hatten die britischen Pfadfinder-Flugzeuge zunächst Schwierigkeiten, den Zielpunkt mit Markierungsbomben zu kennzeichnen, da über Nürnberg eine nur leicht aufgerissene Wolkendecke lag. Die Schwerpunkte der Einschläge lagen im Norden Nürnbergs. Die Vorstadt Wöhrd wurde bei diesem Angriff fast völlig zerstört.

1944

 

Am 11. April beginne ich meine Lehre als Großhandels-kaufmann, die ich nach einer gründlichen Ausbildung in den verschiedenen Abteilungen 1947 erfolgreich beenden werde.

Mein erstes Lehrjahr steht ganz im Zeichen des Krieges. Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag in der Firma. Neu eingestellt wurden 6 Lehrlinge -Erwin, Willi, Hilde, Anneliese, Lilo und ich. Wir werden auf die verschiedenen Abteilungen aufgeteilt. Erwin und ich kommen zunächst für sechs Monate in die Abteilung Laden bzw. Lager. Abteilungs-leiter ist Herr Müller, ein wunderbarer Mensch, der bei allen Mitarbeitern im Hause sehr beliebt ist. In diesen ersten sechs Monaten lerne ich von diesem facherfahrenen Mann sehr viel.

 

Zu dieser Zeit hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich 1959 der Nachfolger von Herrn Müller werde, als er in den Ruhestand geht.

 

 

Mein erster Arbeitstag

 

Um 10:04 Uhr heulen die Luftschutzsirenen "Fliegeralarm". Entwarnung ist um 10:47 Uhr. Bereits bei "Voralarm" müssen alle Karteien, Schreib-, Buchungs-und Rechen-maschinen vom Personal in den Luftschutzkeller geschafft werden. Das gleiche jeden Abend nach Geschäftsschluss und morgens wieder zurück in die Büros.

 

 

In den nächsten Wochen und Monaten häufen sich die Fliegeralarme derart, dass das Arbeiten in der Firma immer komplizierter wird. Allein von Februar bis Dezember 1944 gibt es 11 Bombenangriffe auf Nürnberg. Ab September 1944 wird Nürnberg auch am Tag durch die US-Luftwaffe angegriffen. Und so geht es weiter bis Kriegsende im April 1945.

 

 

Unter dem Eindruck der Erkenntnisse und Erfahrungen, die man beim sich verschärfenden Luftkrieg gewinnt, verbes-sert man die baulichen Luftschutzmaßnahmen. Im Luftschutzkeller wird mittels starker Balken die Decke abgestützt. Für die Verbarrikadierung unserer Schaufenster bekommt die Firma von der Stadt Nürnberg die Genehmigung aus der Ruine des "Weltkinos" am Josefsplatz Backsteine zur Sicherung zu verwenden. Jeder macht mit -angefangen von Herrn Georg und Dr.Max Theisen bis zu den Lehrlingen einschließlich der weiblichen Angestellten. Vor Beginn der Maurerarbeiten müssen zuerst die Back-steine von den alten Zementresten entfernt werden.

Im Spätsommer ordnet das Regime Maßnahmen zur totalen Kriegsführung an, die neben den sich häufenden Fliegeralarmen und den Folgen der Luftangriffe den Alltag der Bevölkerung nochmals einschneidend verändern. Die reguläre Arbeitszeit in Büros und Verwaltungen wird auf 60 Wochenstunden erweitert.

 

 

Am 1. September werde ich in die Abteilung Werkzeug-maschinen und Schweißgeräte versetzt. Abteilungsleiter und Prokurist ist Herr Faber. Er ist bei seinen Mitarbeitern nicht sehr beliebt und gefürchtet. Ich persönlich kann nichts Schlechtes über ihn sagen -im Gegenteil- für mich war Herr Faber fast wie ein Vater.

 

Als im September die reguläre Arbeitszeit auf 60 Wochenstunden für Angestellte und 56 Wochenstunden für Jugendliche erweitert wird, achtet Herr Faber streng darauf, dass ich nicht mehr als 56 Stunden arbeite.

 

 

 

Am 10. September erster Bombenangriff am Tag auf Nürnberg

 

Wir glaubten eigentlich nie so recht, dass Nürnberg auch am helllichten Tag von feindlichen Bombern angegriffen wird, doch wir werden am Sonntag, den 10. September eines besseren belehrt. Um 10:47 Uhr wird Voralarm gegeben, schon eine Minute später Fliegeralarm. 450 viermotorige amerikanische Bomber und 150 Jagdflugzeuge werfen in 8 Wellen auf Nürnberg und Fürth

 

347 Sprengbomben a' 500 Kilo

509 Sprengbomben a' 250 Kilo

439 Brandbomben

und 35 Splitterbomben a' 130 Kilo

 

ab.

 

Der Angriff durch die US-Luftwaffe dauert 34 Minuten. Typisch für die amerikanischen Angriffe sind die sogenannten "Bombenteppiche". Die Flugzeuge fliegen neben- und hintereinender und werfen ihre Last so ab, dass sie das überflogene Gebiet wie einen Teppich belegen. Aber dieser Angriff kostet den Amerikanern schwere Verluste, überall findet man Trümmer von abgeschossenen Flugzeugen. Die "Flüsterpropaganda" verbreitet angesichts der Erfolge unsere Luftabwehr das Märchen, dass mit einem weiteren Tagesangriff auf Nürnberg nicht mehr zu rechnen sei. Die Haltlosigkeit dieser Behauptung erweist sich jedoch drei Wochen später, am 3. Oktober mit aller Deutlichkeit.

 

Ende September nehmen die Luftwarnungen am Tag und in der Nacht ständig zu. Wieder und wieder heulen die Sirenen "Alarm".

 

In Anbetracht dieser Situation werden innerhalb unserer Firma "Luftschutztrupps" aufgestellt. Jeder Trupp besteht aus zwei Männern, ausgerüstet mit Luftschutzhelm, Gasmaske, Feuerpatsche und Wasserspritze. Ihre Aufgabe ist den ihnen zugewiesenen Bereich zwischen den einzelnen Angriffswellen nach evtl. Brandherden zu suchen und zu löschen.

Unser Versandleiter August Rottenbacher und ich bekommen das dreistöckige Maschinenhaus im Hinterhof zugewiesen. Bei solch einem Einsatz im März 1945 hätte es uns beiden fast das Leben gekostet.

"A 4"

Mitte September  bekomme ich von der Hitlerjugend (HJ) die Mitteilung, dass ich zur Hopfenernte nach Spalt eingesetzt werde. Es wird darauf hingewiesen, dass es sich um einen wichtigen Einsatz für die Reichsernährung handelt!

 

Mein Abteilungsleiter Herr Faber von der Maschinenab-teilung erreicht bei der Einsatzleitung der HJ für mich die Freistellung. Hintergrund ist meine Tätigkeit im

 

"Sonderbüro A 4".

Aggregat (A4) ist die Typenbezeichnung der im Jahr 1942 weltweit ersten, funktionsfähigen Großrakete (V2) mit Flüssigkeitstriebwerk. Sie ist als ballistische Artillerie- Rakete grosser Reichweite konzipiert und das erste von Menschen konstruierte Objekt, das am 20. Juni 1944 die Grenzen zum Weltraum durchstösst.

Die Rakete ist 14 Meter hoch und hat vollgetankt eine Startmasse von 13,5 Tonnen. Sie besteht aus etwa 20.000 Einzelteilen. Unsere Firma ist mit an der Belieferung von Werkzeugen beteiligt.

 

 

03. Oktober - Zweiter Tagesangriff auf Nürnberg

 

Der 03. Oktober ist ein sonnenklarer, warmer Herbsttag. Kein Wölkchen steht am Himmel. Und niemand in Nürnberg denkt daran, daß  es feindliche Bomber wagen würden, bei dieser klaren Sicht Nürnberg einen "Besuch" abzustatten.

 

Um 10:47 Uhr wird Voralarm gegeben. Wir bringen wie immer bei Voralarm die Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Karteien usw. in Sicherheit, d.h. in den Lufschutzkeller.

Um 11:00 Uhr Vollalarm. Die Flak feuert aus allen Rohren und nun beginnt das "Bombenkonzert". Die Einschläge der Bomben überdecken alles. Mehrere Bomben gehen ganz in unserer Nähe nieder. Eine Detonation nach der anderen lässt unseren Luftschutzraum erzittern, Kalk rieselt von der Decke. Gegen 11:35 Uhr ebbt der Bombenangriff plötzlich ab. Jetzt ist es Zeit, dass die Luftschutztruppen ihre Arbeit aufnehmen, um in den ihnen zugeteilten Bereichen nach evtl. Brandherden zu suchen. Aber es bleibt nicht viel Zeit. Bereits um 11:48 Uhr erreicht die zweite Welle des Bomberverbandes das Stadtgebiet und wirft ihre tödliche Last auf Nürnberg ab. Um 12:08 Uhr kommt das Signal "Vorentwarnung". Als jedoch zwischen 12:09 Uhr und 12:11 Uhr nochmals Bomben fallen, wird erneut Fliegeralarm ausgelöst.

Als wir den Luftschutzkeller verlassen, sehen wir nur Trümmer und Feuer in der Altstadt- soweit  das Auge reicht. In unserer Nachbarschaft steht der Kulturverein in Flammen, auch das Opernhaus, das Hotel Deutscher Hof und der Hauptbahnhof brennt.

 

Ganz in unserer Nähe am Plärrer haben die Bomben furchtbar gehaust. Hier ist ein Bombenteppich niedergegangen und durchschlug den primitiven Splittergraben. Über 100 Tote gibt  es allein hier auf einen Schlag. Auch einer 60-Mann starken SS-Mannschaft wurde der Splittergraben zum Verhängnis. Die jungen SS-Soldaten wurden beim Schwimmen im Volksbad vom Angriff überrascht und suchten in der Eile Schutz im Splittergraben am Plärrer. In den schräg gegenüber unserer Firma befindlichen Sanitätsbunker werden die Toten und Verletzten gebracht.

Unsere Firmengebäude wurden verhältnismäßig leicht beschädigt. Es gibt Glasschäden und das Dach wurde zum größten Teil durch den Luftdruck abgedeckt. Bei diesem Angriff hat sich der Einsatz unserer Luftschutztrupps bewährt. Ein Brandherd wurde bereits im Entstehen gelöscht. Der Angriff dauerte nur 45 Minuten. Er fordert 365 Menschenleben.

Im Dezember, während des Berufsschulunterrichts, kommt ein Werbeoffizier zu uns in die Schule und hält einen Vortrag, an dessen Ende er an die Klasse die Frage richtet, wer von uns sich freiwillig zur SS-Hitlerjugend-Diffision meldet. Keiner von uns meldet sich. Hierauf dreht er die Frage um und fragt: "Wer ist dagegen?" Natürlich wagt von uns niemand, sich dagegen zu stellen, worauf der Werbeoffizier mit "Also haben sich alle freiwillig gemeldet", schliesst. Unsere Personalien werden aufgenommen und wir sind "Freiwillige" der SS-Hitlerjugen-Diffision geworden. 14 Tage später ist Musterung.

Um Heizmaterial zu sparen bleibt unser Betrieb vom Samstag, dem 23.12. bis Donnerstag 28.12. geschlossen, nur die Poststelle ist abwechslungsweise mit Lehrlingen besetzt.

Ich freute mich schon darauf, dass ich einige geruhsame Weihnachtsfeiertage erleben kann. Aber bereits am Samstag, dem 23.12. ist fünfmal Luftwarnung, von halb sieben Uhr früh bis neun Uhr nachts.

Am Heiligen Abend, einem Sonntag, fünfmal Luftwarnung und dreimal Fliegeralarm, am ersten Weihnachtsfeiertag, 

fünfmal Luftwarnung, keine Ruhe an den Feiertagen.

Bei eisiger Kälte findet am 29. und 30.12. meine erste Inventur statt. Ich bin bei dieser Kälte zum Zählen der Bestände im Baugerätekeller eingeteilt. Der Raum ist wegen Mangel von Heizmaterial nicht beheizt. Man kann bei dieser Kälte ohne Handschuhe keine Metallteile anfassen, da die Finger sofort am Metall ankleben.

Unfassbar, aber auch bei uns in der Firma  gibt es Mitarbeiter, die Ende 1944 noch an den "Endsieg" glauben.

 

Zwei Beispiele:

Morgens auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz begegne ich meinem Kollegen Herrn E.* und begrüsse ihn mit den Worten: "Guten Morgen Herr E." Er dreht sich daraufhin zu mir und sagt: "Du geh' mal her- bist du bei der Hitler-jugend?" Ich antworte mit "JA" und erfragt mich: "Grüsst man dort mit -Gelobt sei Jesus Christus_?" Ich antworte darauf: "Nein- mit Heil Hitler". Er sagt: "Das will ich in Zukunft auch vorn Dir hören."

Dieser Herr "*E"- bewusst hier nicht ausgeschrieben- trug nach Kriegsende in Nürnberg bei der ersten Fronleich-namsprozession den "Himmel" mit durch die Stadt. Zudem war er Mitglied im katholischen Kolpingverein.

2. Fall

Als wir uns morgens bei einem Fliegeralarm im Luftschutz-

Keller treffen, begrüssen wir uns mit "Guten Morgen". Plötzlich fängt unser Kollege Herr R. zu schreien an: 

"Unsere Soldaten kämpfen an der Front und verteidigen unser Vaterland und SIE begrüssen sich anstatt mit "Heil Hitler" mit "Guten Morgen!".

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Mein Lehrvertrag

Ich 1944, im Alter von 14 Jahren

Aggregat 4 - V2 Rakete

Grossrakete "V2"

1945

Am 2. Januar, einem Dienstag, gibt es viermal Luftwarnung. Am Spätnachmittag bin ich zu Postabfertigung in der Poststelle eingeteilt. Erwin und ich, der ebenfalls zur Postabfertigung eingeteilt ist, haben uns für heute Abend vorgenommen in den Revue-Film

 

"Die Frau meiner Träume" mit Marika Röck,

 

der zurzeit im Phöbus-Palast läuft, zu gehen. Aber wie so oft kommt die Post von den Herren Georg und Max Theisen sehr spät in die Postabfertigung. Die Post muss ja auch noch von uns Lehrlingen zur Hauptpost am Bahnhof gebracht werden. Als wir das Postamt am Bahnhof verlassen, wird öffentliche Luftwarnung gegeben.

 

Es ist 18:33 Uhr, als ich die Straßenbahn nach Mögeldorf besteige. Bereits 10 Minuten später, um 18:43 Uhr erfolgt Fliegeralarm. Die Straßenbahn bleibt an der Haltestelle "Arminiusstraße" stehen. Den Rest der Strecke bis zur Marthastraße, muß ich zu Fuß zurücklegen.

Jetzt beginnen schon die Flakbatterien zu schießen. Die ersten Aufklärungsflugzeuge haben den Sperrfeuerring durchbrochen und sind mitten über dem Stadtgebiet. Mit einem Male wird es taghell über der Stadt. Die Auf-klärungsflugzeuge haben die ersten Magnesium-Leuchtfallschirme, im Volksmund "Christbäume" genannt, abgeworfen. Auf meiner Armbanduhr ist es 19:18 Uhr. Dumpf dröhnen die viermotorigen Bomber, sie kommen auf breiter Front aus Süd bis Südwest. Als ich unsere Wohnung in der Ostendstraße erreiche, gibt es einen grellen Blitz. Eine Explosion zeigt mir, dass sich die ersten Bomber über dem Stadtgebiet befinden.

 

Nun beginnt die größte Katastrophe in der Geschichte der Stadt Nürnberg.

Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben fallen zu Tausenden von Tonnen in die Stadt, bewusst geworfen in die Wohngebiete der alten Noris.

 

Um 20:13 Uhr ist der Angriff beendet, um 20:24 Uhr wird Entwarnung gegeben.

 

In den 1  1/2 Stunden der Angst, in der die Bomber die Stadt umpflügen, werden fast 5.000 Wohngebäude total zerstört, über 12.000 weitere schwer beschädigt. Fast 2.000 Menschen getötet, mehr als die Hälfte davon sind Frauen und Kinder, über 3.000 Menschen sind verletzt. Aus den Trümmern werden noch 650 Menschen lebend ausgegraben, über 1.600 nur tot.

 

Schätzungsweise haben die 594 englischen Bomber

 

1.000.000 Brandbomben (479 Tonen)

100 Minen, 6.000 schwere Sprengbomben und

428 Sprengbomben mit Langzeitzünder,

 

zusammen ca. 1.828 Tonnen Sprengbomben, auf die Stadt geworfen.

Eine Rauchwolke liegt tagelang über der Stadt und es scheint so, als wolle es nicht Tag werden. Es gibt tagelang kein Wasser, kein Gas und keinen Strom. Straßenbahnen und Züge fahren nicht mehr.

In unsere Wohnung in der Ostendstraße sind alle Fenster samt Fensterrahmen und Türstöcke herausgerissen- und das bei eisiger Kälte. Nach den notwendigsten Aufräumungsarbeiten in unserer Wohnung gehe ich zu Fuß auf "Schustersrappen" in die Firma. Auch hier muss ich feststellen, daß die Firma schwer getroffen wurde. Das Gebäude Färberstraße 41 / Ecke Karthäusergasse 47, in dem sich unsere Büroräume unserer Maschinenabteilung und im Erdgeschoß das Stahllager befanden, brannte vollständig aus.

Die Maschinenabteilung, in der ich mich z.Zt. in der Ausbildung befinde wird nach Roth ausgelagert. Auch das Sonderbüro A 4, das für die Belieferung der Rüstungsindustrie zuständig ist, wird nach Weißenburg verlegt.

 

13.Februar 

 

Ich erinnere mich noch heute an meinen ersten Arbeitstag in Roth: Der Zug hat reichlich Verspätung. Wir brauchen von Nürnberg bis Roth über 3 Stunden. Um 17 Uhr fahren wir mit dem Zug, der wieder Verspätung hat, nach Nürnberg zurück. Als wir um ca. 20:30 Uhr den Bahnhof Nürnberg-Hohe-Marter erreichten, gibt es wieder Fliegeralarm. Trotz Überfüllung des öffentlichen Luftschutzkeller an der Hohen-Marter werden wir dort aufgenommen. Kurz darauf eröffnet die Flak ihr Feuer. Bomben fallen dieses mal nicht auf Nürnberg. Die englischen Bomber fliegen ihren Angriff auf Dresden und überfliegen dabei nur den Luftraum Nürnberg.

Entwarnung gibt es erst gegen 23:00 Uhr, da die Bomber auf ihrem Rückflug wieder den Luftraum Nürnberg überfliegen. Dann geht es zu Fuß bei eisiger Kälte und Schnee zurück nach Mögeldorf. Mein Abteilungsleiter Herr Faber, der in Zerzabelshof wohnt, begleitet mich bis zur Marthastraße in Mögeldorf. Als ich im Bett bin, ist es bereits 01:15 Uhr. Um 07:30 Uhr geht es wieder zu Fuß zum Bahnhof und mit dem Zug nach Roth. Von Herrn Dr. Max Theisen wird später angeordnet, daß die Rückfahrt nach Nürnberg bereits um 15:00 Uhr erfolgen soll.

20. Februar 

 

Im Februar werde ich zur weiteren Ausbildung von der Maschinenabteilung in die Registratur versetzt. Diese Abteilung ist bei uns Lehrlingen nicht sehr beliebt, wir sehen diese Ausbildung nur als notwendiges Übel. Für mich allerdings ist die Versetzung eine Freude, da Gott sei Dank endlich der Streß mit der täglichen Fahrt nach Roth ein Ende hat.

 

Einer meiner ersten Tätigkeit ist das Verbrennen von Unterlagen unseres A 4-Büros in einer offenen Feuerstelle in unserem Hof neben den dreistöckigen Maschinenhaus. Es handelt sich hier um eine größere Anzahl von Leitz-ordnern mit Belegen die wahrscheinlich dem anrückenden Feind nicht in die Hände fallen sollen. Nachdem das Verbrennen der einzelnen Belege sehr langsam vor sich geht, werfe ich nach einiger Zeit immer den ganzen Inhalt der Leitzordner in das Feuer. Bald muß ich allerdings feststellen, daß diese Papierbündel sehr schlecht verbrennen. Mit einer Schaufel versuche ich die halb verbrannten Papierbündel zu trennen. Mitten in meiner "kriegswichtigen Tätigkeit" heulen plötzlich die Sirenen "Fliegeralarm". An dem Motorenlärm der Bomber stelle ich fest, daß sich die ersten Flugzeuge bereits über Nürnberg befinden. Zeit zum Löschen des Feuers habe ich nicht mehr, da bereits die ersten Bomben fallen. Und jetzt erfolgt ein pausenloser Bombenabwurf. Die Erde bebt, unser LS-Keller schwankt. Mit tief eingezogenen Köpfen sitzen wir machtlos auf unseren Plätzen.

 

Durch die Bombeneinschläge in unsere Nähe rieselt der Putz von der Decke. Das Entsetzliche und Grausige kann man nicht in Worte fassen. Wer diesen Angriff nicht miterlebt hat, kann sich dieses furchtbare Geschehen kaum vorstellen. Der Angriff erfolgt in vier Wellen. Als die erste Bomberwelle ihre todbringende Tätigkeit vollbracht hat, beginnt der Einsatz unserer Luftschutztruppe. Ausgerüstet mit Luftschutzhelm, Gasmaske und Feuerpatsche rennt jeder Trupp, bestehend aus zwei Männern, in seinen eingeteilten Bereich um evtl. entstandene Brände zu löschen. Herr Rottenbacher und ich sind zuständig für das dreistöckige Maschinenhaus. Außer Fensterbruch und Dachschaden können wir nichts feststellen. Als wir das Gebäude verlassen, ist bereits die zweite Bomberwelle über dem Stadtgebiet. Wir rennen über den Hof in Richtung Lufschutzraum, dann die steile Holztreppe hinunter zum LS-Raum, die eiserne Luftschutztür halten die Kollegen für uns noch offen. Ein Bombeneinschlag mit einer Explosionswelle wirft uns die letzten Stufen hinunter. Eine riesige Staubwolke rollt über uns in die noch offene Stahltür in den Luftschutzraum hinweg. Die Luft ist voller Staub und Dreck der uns fast den Atem nimmt und ich spüre den Sand zwischen den Zähnen. Im Luftschutzraum stehen Wasserfässer und Tücher bereit, die wir uns vor das Gesicht schlagen um uns vor dem Ersticken zu retten.

 

Zwischen der zweiten und dritten Bomberwelle eilen wir wieder mit unserer Ausrüstung nach oben. Herr Rottenbacher und ich müssen aber feststellen, daß unser Bereich, das Maschinenhaus nicht mehr steht. Ein Volltreffer hat nur noch einen Schutthaufen hinterlassen. Hätten wir zwei nur eine Minute später zwischen der ersten und zweiten Bomberwelle das Maschinenhaus verlassen, wären wir unter den Schuttmassen begraben worden.

 

Um 13:44 Uhr drehen die Bomber ab.

 

Als wir den Luftschutzkeller verlassen schlägt uns eigentümlicher, süßlicher Geruch entgegen. Vor unsrem Hauseingang liegt ein totes Pferd. Männer und Frauen sind gerade dabei, mit großen Messern Fleischstücke aus dem Kadaver des Pferdes herauszuschneiden. Ihre Hände sind blutverschmiert, ihre Beute transportieren sie in Eimern und Schüsseln nach Hause.

Wo vor einer Stunde noch Häuser standen, gibt es nichts mehr als unübersehbare Trümmerhaufen, Rauch und glühende Feuersbrunst.

 

Als ich mich auf den Heimweg nach Mögeldorf mache, muß ich feststellen, daß meine halb verbrannten Belege vom A 4 Büro durch den Feuersturm, der immer bei größeren Brandherden entsteht, bis zum Opernhaus und Haupt-bahnhof geflogen sind. Die "kriegswichtigen" Geheim-papiere flatterten durch die Innenstadt- aus heutiger Sicht ein Grund zu Schmunzeln.

 

21. Februar -Bombenangriff-

 

Knapp 24 Stunden nach dem Bombenangriff vom Vortag fliegt die amerikanische Streitmacht, mit etwa 1.200 Bombern sowie zahlreichem Begleitschutz erneut einen Angriff auf die Stadt. Es ist kaum möglich ist, die Schäden den einzelnen Vorgängen zuzuordnen. Viele Objekte werden mehrfach getroffen. Die Einsatzkräfte von Luftschutz, Feuerwehr und Wehrmacht sind vom ersten Angriff noch erschöpft,  da geht am folgenden Tag schon der Bombenhagel eines zweiten Angriffs nieder. Die Gas-, Wasser- und Stromversorgung ist zusammengebrochen. Die meisten Straßen sind zu Trampelpfaden über eingestürzten Hausfassaden geworden. Bahn- und Straßenbahnverbindungen sind unterbrochen. Wo gestern noch Wohnungen und Fabriken standen, gibt es nichts mehr als unübersehbare Trümmerhaufen.

 

Nach dem Luftangriff vom heutigen Tag verkehrt volle drei Wochen keine Straßenbahn mehr. Erst danach wird der Betrieb auf ein Zehntel des bisherigen Netzes wieder aufgenommen.

 

Eine provisorische Wasserversorgung mit Pferdefuhrwerken von Brauereien kann die äußerste Not gerade noch abwenden.

 

Die Lebensmittelrationen müssen abermals gekürzt werden und erreichen Anfang April mit einer Wochenration von

 

1.700g Brot, 250g Fleisch und 125g Fett -

 

den tiefsten Stand während des ganzen Krieges.

 

Aber was uns nach Kriegsende im Mai 1945 bis zur Währungsreform im Juni 1948  in Bezug auf die Ernährung noch erwarten würde, ahnen wir zu dieser Zeit noch nicht. Da ist diese Wochenration noch das reinste Schlaraffen-land!

 

Nach diesen beiden Bombenangriffen ordnet die Geschäftsleitung an, daß bei Fliegeralarm die Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen den Färbertorbunker, mit Ausnahme der "Luftschutztrupps", aufsuchen sollen.

 

März 

 

Es vergeht kein Tag ohne Fliegeralarm. An manchen Tagen heulen die Sirenen bis zu zehnmal und verkündigen Fliegeralarm oder Voralarm. Manchmal fallen auch Bomben ohne entsprechende Vorwarnung. Zwischen Entwarnung und Fliegeralarm liegen oft nur eine oder zwei Stunden. Unsere Arbeitsplätze werden schon vor einigen Wochen in den Luftschutzkeller verlegt. Nachdem ein Luftschutzkeller keine Fenster hat, sehen wir die ganze Zeit kein Tageslicht.

Nach Stromausfall arbeiten wir mit Karbidlampen. Durch diesen Gestank und das Wärmen unserer Essenstöpfchen auf einem eisernen Ofen im Keller ist die Luft zum Schneiden.

 

16. März -Letzter Großangriff bei Nacht-

 

Zwischen 20:53 Uhr und 22:40 Uhr, fällt auch unser dreistöckiges Hinterhaus den Spreng- und Brandbomben zum Opfer. War dieser Angriff noch nötig? Es ist nicht mehr viel zu zerstören, die Bomben fallen zum größten Teil in Ruinen. Kriegswichtige militärische oder industrielle Anlagen können nicht mehr getroffen werden, weil Derartiges nicht mehr vorhanden ist.

 

April 

 

Am 5. und 11. April erfolgen die zwei letzten Luftangriffe bei Tag, die nochmals neue Verwüstungen in der Innenstadt anrichten.

 

Nürnberg ist tot......! Es gibt keinen Strom, kein Wasser, es gibt auch keine Kohlen, kein Mehl und daher auch kein Brot. Es gibt unsägliches Elend, unsägliche Not. Es gibt viele Kranke und Sterbende, aber es gibt auch nur noch wenige Ärzte.

 

Der Krieg neigt sich seinem Ende zu, schon hört man den fernen Kanonendonner. Aber man darf beileibe nicht sagen, daß das der herannahende Feind sei. Die Parteigrößen behaupten, der Lärm rühre von Übungen der eigenen Wehrmacht her.

 

Unsere Firma stellt den Betrieb ein.

 

16.April 

 

Am Mittag diesen Tages wird durch Rundfunk, Lautsprecherwagen und die noch wenigen intakten Luftschutzsirenen für die Zivilbevölkerung "Feindalarm" gegeben.

 

Der Zusammenbruch der Ordnung im April

 

Wir lassen uns durch den Feindalarm und auch später durch den Artilleriebeschuss und Tieffliegerangriffe nicht besonders einschüchtern. Wo es etwas zu kaufen gibt, stellen wir uns in Schlangen an und warten geduldig auf die Abgabe von Lebensmitteln und anderen Dingen. Mancher Ladeninhaber verkauft aus Furcht vor Plünderung noch schnell Ware an seine Kunden. In manchen Geschäften tauchen Waren auf, die man lange nicht mehr gesehen hat. Als dann während der Kämpfe und direkt danach die bürgerliche Ordnung zusammenbricht, also keine Polizei mehr das Eigentum schützt, beginnen die Plünderungen. Auch ich beteilige mich daran. Am Mögeldorfer Bahnhof werden die dort stehenden Eisenbahnwagons aufge-brochen. Meine Beute ist eine Kiste Kunsthonig und ein Sack Weinbeeren. Von dieser Beute leben wir die ersten Wochen nach Kriegsende, bis es wieder einige Lebensmittel gibt.

 

 

Am 20. April wird Nürnberg von den Amerikanern eingenommen. Für uns Nürnberger ist der Krieg zu Ende.

 

Auch nach Ende der Kampfhandlungen setzen sich die Plünderungen fort. Ich sehe es aber eher als Organisieren von Lebensmitteln, um zu überleben.

 

Die wichtigsten Orte der Plünderungen in Nürnberg nach Kriegsende ist der Rangierbahnhof, die Weinbrennerei Klöwer und Böhm, (die spätere NORIS-Weinbrennerei) und der Weinkeller der Zeltnerbrauerei in der Tullnau. Da man dabei förmlich im Wein watet ist keine Übertreibung. Der Wein wird mit Eimern nach Hause getragen.

Am Rangierbahnhof stehen seit Wochen unzählige Güterwagen. Ein Teil der Wagen ist von Bomben beschädigt, andere werden von Fremdarbeitern aufgebrochen.

Ein Ort der Plünderung ist auch das Kühlhaus der Firma LINDE in Gibitzenhof. Man ist überrascht, wie viele hochwertige Lebensmittel in dem sechsgeschossigen Kühlhaus lagern. Die Empörung der Bevölkerung ist verständlich, wenn die Menschen sehen, was man ihnen vorenthalten hat. So schleppen sie weg, was sie tragen können. Außerdem will man nicht zusehen, wie sich die Fremdarbeiter allein bedienen.

 

Da es an Transportmitteln mangelt, werden Zucker- und Mehlsäcke aufgeschnitten und Kisten aufgebrochen, um tragbare Mengen wegzubringen. Wer über Handwagen oder ein Fahrrad verfügt, kann größere Mengen Waren abtransportieren. Aber den meisten von ihnen werden auf dem Weg nach Hause von den Fremdarbeitern das Transportmittel samt Ware abgenommen.

 

 

Kapitulation

 

Am 8. Mai unterzeichnet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Urkunde, mit der die deutsche Wehrmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft vor den Alliierten bedingungslos kapituliert

Nürnberg war eine Stadt und ist jetzt eine Schutthalde.

 

Unter dem Eindruck der fast vollständig kaputt gebombten Innenstadt mit dem darin noch erstorbenen Leben, wird ernsthaft darüber nachgedacht, die Altstadt nicht mehr aufzubauen, sondern "dieses Trümmertal" seinem Zustand zu überlassen und ein neues Nürnberg nebenan zu erbauen. Das alte Nürnberg wäre dann eine Sehenswürdigkeit wie Pompeji. Ein Pilgerziel für die Fremden. Es ist "Gott sei Dank" anders gekommen.

Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende

Ausschnitt einer Luftaufnahme mit unserem Firmengelände im Juni 1945. Dreiviertel unserer Büro- und Lagerräume sind zerstört.

 

Rot = Färberstraße 41

Bürogebäude, Laden u. Werkzeuglager

 

Gelb = hintere Karthäusergasse

Ruine Büro und Stahllager

 

Blau = Ruine Maschinenhaus

Lager für Werkzeugmaschinen usw.

 

Schwarz = Ruine Mittelbau (Lager)

Zusammenbruch und Neuanfang der deutschen Wirtschaft

 

Die Alliierten sind sich einig darüber, daß Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich entmachtet werden müsse. Beabsichtigt ist daher, Deutschlands Industrie zu dezentralisieren, Monopole und Kartelle zu zerschlagen und die restlichen Kapazitäten erheblich zu reduzieren.

Die Besatzungsmächte verfügen landesweit die Demontage ganzer Betriebe oder eines Teiles der maschinellen Einrichtung. Was in Jahren erarbeitet wurde, ist ohne jegliche Entschädigung verloren. Die Betriebe müssen die Verluste selbst tragen.

 

Mai 

 

Schon wenige Wochen nach dem Zusammenbruch kehrt in unseren fast völlig zerstörten Betrieb eine Schar von treuen Mitarbeitern zurück, die wie die Brüder Theisen fest entschlossen sind, einen Neubeginn zu wagen.

Zuerst müssen die Trümmer beiseite geschafft werden, neue Mauern müssen hochgezogen und das Dach neu gedeckt werden.

 

Um das mitgebrachte Essen der Mitarbeiter zu wärmen, werden im Hof Steine aufgeschlichtet, ein Blech darüber gelegt und darunter Feuer gemacht. Das ist dann der Notherd.

 

Juni 

 

Dreiviertel unserer Büro, Lager- und Verkaufsräume in Nürnberg vielen den Bomben zum Opfer. Unsere Filiale in Wien ging bei Kriegsende verloren.

Durch den Verlust sind die Arbeitsverhältnisse in den noch übrig gebliebenen Räumen äußerst primitiv. Wir müssen in schlecht beleuchteten und kalten Räumen, hungernd und frierend arbeiten. Auch in der Folge sind die äußeren Umstände nicht gerade begeisternd, bis dann im Jahre 1961 der Wiederaufbau unseres Geschäftshauses in der Kolpinggasse und 1964 der Umbau Färberstraße abgeschlossen ist.

Mai

 

Im Mai werde ich für vier Monate zur weiteren Ausbildung in den Wareneingang versetzt. Abteilungsleiter ist Herr Paul Hollweck. Aufgefallen ist mir hier besonders, daß bei fast jedem Wareneingang eine Lieferung an die Firma "Paul Mirgeben Nürnberg" dabei war. Später nach der Währungsreform wurde mir klar, daß diese Ware bis zum Tag X im Juni 1948 (Währungsreform) zurückgehalten wurde. Diese fingierte Adresse besteht aus dem Vornamen unseres Wareneingangsleiter "Paul Hollweck". Und mit dem Nachnahmen "Mirgeben" ist unser Abteilungsleiter Herr Müller II (Laden/Lager) gemeint, der die Waren in unseren früheren Luftschutzkeller bis zum Tag "X" einlagern lässt.

 

 

Juni 

 

Am 11. Juni  fährt erstmals wieder die erste Straßenbahn nach dem Krieg auf der 3,4 km langen Strecke zwischen Plärrer und Muggenhof.

 

Transportmittel fehlen.

 

Nachdem unserer Firma keine anderen Transportmittel hat, müssen wir Lehrlinge in den ersten Monaten 1945 bis Laufamholz, Stein und Fürth mit dem Handwagen Waren von Lieferanten holen und Waren an unseren Kunden in Nürnberg und Umgebung liefern.

 

 

Herbst 

 

Das Leben beginnt sich langsam wieder zu normalisieren.

Der Berufsschulunterricht wird wieder aufgenommen.

 

 

 

Weihnachten

 

Wir müssen dieses erste Weihnachten des Friedens sehr einsam begehen. Einsam und im Armenhaus der Welt. Trotz allem ist das Weihnachtsfest 1945 zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Fest des Friedens, ein Fest der Hoffnung. Die Schrecken des Krieges, der Bombenangriffe, gehören der Vergangenheit an. Bescheiden sind die Geschenke, aber wir sind froh, daß der Krieg vorbei ist.

Filmprogramm Die Frau meiner Träume
Färberstrasse 1945

Unser Geschäftsgebäude in der Färberstraße am Ende des II. Weltkriegs

Foto: Ray D'Addario aus "Nürnberger Erinnerungen - Band 4 "

Hoffmann Verlag , Nürnberg

Gebrüder Theisen0743-1.jpg

Beengte Arbeitsverhältnisse nach dem Krieg

Durch den Tod von  August Theisen und die Einberufung vieler Mitarbeiter zum Militär beginnen die Schwierigkeiten bei der Weiterführung des Geschäftes. Nach dem Tod des Eigentümers  geht die Firma auf die beiden Söhne Georg und Max über. Operativ liegt sie in den bewährten Händen des Prokuristen Herrn Krengel.

Umsatzstatistik Gebrüder Theisen

Umsatzstatistik von 1914 bis 1918

1938

 

Im August  erscheint ein Katalog mit 150 Seiten für

Baumaschinen, Baugeräte sowie Hebe- und  Werkzeuge.

 

Der Katalog ist für Hoch- und Tiefbau, Straßenbau, Bahnbau, Steinindustrie, Kanalisation und Installation.

 

 

Katalog 1938

1941

 

Vom 16.08. - 14.09. findet in der "Fränkischen Galerie am Marientor" eine Ausstellung der Industriemalerin

 

Ria Picco-Rückert

* 1900 in Nürnberg, † 1966 in Nürnberg 

 

statt. Herr Theisen erwirbt ein Ölgemälde, das später bis zu meiner Pensionierung in meinem Büro hängen wird.

 

 

Die Kunstausstellungshalle am Marientor (Fränkische Galerie) in Nürnberg 1913 (Stadtarchiv Nürnberg A 38 Nr. A38-B-76-16).

Die Kunstausstellungshalle am Marientor (Fränkische Galerie) in Nürnberg 1913 (Stadtarchiv Nürnberg A 38 Nr. A38-B-76-16).

*Gutehoffnungshütte Oberhausen"

Ria Picco-Rückert 

Öl auf Leinwand 127 cm x 100 cm, 1937

Privatsammlung

1934

 

Das Lieferprogramm wird erweitert und erfasst nun neben Werkzeugen, Werkzeugmaschinen und Stahle nun auch

BAUGERÄTE u. BAUMASCHINEN

 

 

Meine Ausbildung von 1944 bis 1947

6 Monate von April 1944 bis September 1944

  • Werkzeuglager u. Ladenverkauf

Abteilungsleiter Herr Müller II

5 Monate von Oktober 1944 bis Februar 1945

  • Maschinenabteilung

Abteilungsleiter Herr Faber

 

2 Monate von März 1945 bis April 1945

  • Registratur

 

4 Monate von Mai 1945 bis August 1945

  • Wareneingang

Abteilungsleiter Herr Hollweg

 

6 Monate von September 1945 bis Febr.1946

  • Kasse u. Buchhaltung

Abteilungsleiter Herr Richter

 

6 Monate von März 1946 bis August 1946

  • Ladenverkauf

Abteilungsleiter Herr Müller II

 

6 Monate von September 1946 bis März 1947

  • Werkzeugabteilung

Sachbearbeiter Herr Rohr

 

Infolge meiner guten Leistungen wurde ich bereits im Januar 1947 in das Angestelltenverhältnis übernommen, mit einem Gehalt von RM 61,00 bei einer Arbeitszeit von 32 1/2 Stunden wöchentlich.

Lehrvertrag Karl Seiffert

Mein Lehrvertrag

Lehrzeugnis Karl (1).jpg

Mein Lehrzeugnis